Megatrend IoC (Internet of Christmas) – fällt bald die letzte analoge Bastion?

„Nun kommt endlich die besinnliche und ruhige Zeit des Jahres“ höre ich dieser Tage oft aus dem Kreis meiner Freunde und Kollegen. Doch laut mehreren kürzlich erschienenen Studien dürfte es mit der weihnachtlichen Ruhe bald ein für allemal vorbei sein: Der neue Megatrend „Smart Christmas“ – also das vernetzte Weihnachten – soll Experten zufolge ein sagenhaftes Wertschöpfungspotenzial bergen und dank zahlreicher Innovationen schon sehr bald Wirklichkeit werden.

Bereits vor Jahren bliesen einige Internet-Vordenker aus dem Silicon Valley zum Angriff auf eine der letzten analogen Bastionen der westlichen Welt: „Das Weihnachtsfest wie wir es kennen, hat sich überholt. Es ist altbacken und hochgradig ineffizient. Die gesamte Christmas Customer Journey von der Entstehung eines Wunsches über das Aufsagen von Gedichten bis hin zur Geschenkübergabe ist voller Medienbrüche und zeitraubender manueller Arbeitsschritte, die fast ausnahmslos automatisiert und digitalisiert werden können“ ist Knech Truprecht überzeugt. Der resolute 42-jährige Norweger mit der schlichten Funktionsbezeichnung „CDO“ (Christmas Digitization Officer)* arbeitet schon seit über vier Jahren mit seinem zwölfköpfigen Team beim Weihnachtsautomationsspezialisten International Bescherungs Machines (IBM) im verträumten US-Städtchen Santa Diego am Weihnachten der Zukunft („Christmas 4.0“).

The next big thing

Unter seiner Initiative wurde unter anderem eine IoC-App zur automatischen Rutenplanung entwickelt, mit deren Hilfe der Rutenverschleiss exakt prognostiziert werden kann. „Dabei erfassen Sensoren laufend in Echtzeit Daten wie beispielsweise die Schlaganzahl und Aufschlaggeschwindigkeit, aus denen ein Predictive Maintenance-Algorithmus dann automatisch den optimalen Ersatzzeitpunkt für eine verschlissene Rute ermittelt“ erklärt ein sichtlich stolzer Truprecht. Er glaubt, dass die Erfassung und Auswertung von Daten „an allen Touch Points“ das „next big thing“ sei, das nächste riesige Geschäftspotenzial für das Silikon-Tal. Auch eine App mit welcher der Weihnachtsmann „end-to-end den gesamten Bescherungsprozess überwachen und steuern“ und der Beschenkte ein lückenloses Geschenk-Tracking auf allen Endgeräten nutzen kann, sei in Planung. Als Monetarisierungsansatz sei Christmas-as-a-Service (CaaS)* geplant.

Andere denken sogar noch deutlich weiter. Der durch sein Essay „Software is eating the Weihnachtsgans“ weltweit bekannt gewordene US-Risikokapitalinvestor Marc Amtresen sieht solche Anwendungen nur als inkrementellen Zwischenschritt an, ebenso wie die aktuell vielerorts betriebene Ausstattung klassischer Rentierschlitten mit Sensoren, beispielsweise zur Schadstoffmessung am „Backend“ von Rentieren. Der 45-jährige glaubt stattdessen, dass schon in fünf Jahren autonom fahrende Schlitten die klassischen Weihnachtsmänner mit ihren Rentieren komplett abgelöst haben werden. Auf die Frage, was denn all die Rentiere und Weihnachtsmänner zukünftig machen würden, antwortet er „statt zu warten bis andere sie kannibalisieren, sollten sie das lieber selbst tun. Sie können also nicht einfach nur weiter wie bisher Gras futtern“.

Neue Geschäftsmodelle gesucht

Und tatsächlich: Die internationale Rentier- und Weihnachtsmann-Vereinigung hat vor wenigen Wochen unter der Marke Christmas Internet Solutions Corporation (CISCo) nach eigener Aussage ein „Innovation Lab“ und einen Inkubator für Lösungen für Weihnachten 4.0 ins Leben gerufen. Ein Pressesprecher: „Unser über zweitausend Jahre altes Geschäftsmodell ist nicht zukunftsfähig, wir müssen jetzt konsequent alte Bärte abschneiden.“ Man wisse zwar noch nicht genau, wie das Ergebnis aussehen wird, aber „im Mittelpunkt unserer Bemühungen steht das Weihnachtserlebnis für den Kunden“ und man werde „auf jeden Fall hochgradigst disruptiv, client-centric und agile“ vorgehen. Zunächst will man diese drei Begriffe mal in Google eingeben, um herauszufinden, was es damit genau auf sich hat.

CISCo hat sich unter anderem mit dem gefeierten US-Startup Druber zusammen getan, um fliegende Weihnachtsschlitten zu entwickeln. Druber möchte mit Lösungen wie dieser „die Welt ein bisschen besser machen“ und "hey, nebenbei natürlich gern auch die ein oder andere Milliarde verdienen". Der Bedarf scheint jedenfalls riesig zu sein: Die renommierte Unternehmensberatung Accidenture schätzt das Marktpotenzial für solche IoC-Lösungen auf exakt 37,483526 Fantastilliarden Dollar bis zum Jahr 2072.

Doch der Weihnachtsmarkt ist hart umkämpft. Auch Unternehmen aus anderen Branchen wollen etwas vom großen IoC-Stollen abhaben, so Brancheninsider Truprecht: „Die Branchenkonvergenz erreicht jetzt den Weihnachtsmarkt. Die zwei Festtagsschwergewichte Oster.hasi und Niko.lausi arbeiten in einer strategischen Allianz mit Hochdruck an einer übergreifenden Festtags-Online-Plattform mit einheitlichen Schnittstellen und Datenstandards.“ CISCo will mit einer eigenen Weihnachts-Programmiersprache C+ (Christmas-Plus) dagegen halten und den Markt nach außen abschotten. Die Stimmung in der Branche ist entsprechend frostig. Mein Kollege und Zukunftsforscher Ger Hardpolt hatte dies übrigens alles schon vor Jahren kommen sehen: http://bit.ly/2i1BOOF

Merkel: „Für alle noch Neuschnee“

Das merken mittlerweile auch deutsche Traditionsanbieter. Der Premium-Weihnachtsschlittenhersteller BSW (Bayerische Schlittenwerke) hat kürzlich von Googles IoC-Tochter Fest ein ganzes Team abgeworben, um das Unternehmen fit für die digitale Zukunft zu machen. „Wir wollen ein Weihnachts-Ökosystem schaffen und digitale Zusatzangebote monetarisieren“ erläutert ein BSW-Sprecher die Strategie. Mit Hilfe von Design Thinking und ähnlichen Kreativtechniken werde aktuell „out-of-the-Geschenkbox“ nach innovativen Ansätzen für das Weihnachtsfest von morgen gesucht. Prototypen wie beispielsweise Rauchsensoren in Weihnachtsbäumen oder 3D-Kameras in der Bommel der Weihnachtsmannmütze mit Live Streaming-Features würden mittels des Lean Startup-Ansatzes möglichst schnell auf dem Weihnachtsmarkt getestet und weiter entwickelt. Auch eine laufende Zulieferung von Geschenken zu mit GPS ausgestatteten Weihnachtsschlitten in Kooperation mit der Spedition Ooops sei aktuell im Gespräch, ebenso eine Big Data-Anwendung zur Vorhersage von Geschenke-Wünschen.

Besonders vielversprechend könnte auch vernetztes Geschenkpapier sein, welches anhand von Spracherkennung, Feuchtigkeit der Hände und ähnlichen Daten erkennt, wie sehr sich der Beschenkte über ein Geschenk gefreut hat. Jedoch: „Hübsche Geschenk-Verpackung war gestern, heute ist Content King“ lautet die revolutionäre Mission von BSW. Dennoch will man auf das Marketing auch zukünftig nicht völlig verzichten und setzt auf neuere Ansätze wie das Influenza-Marketing, um jüngere Zielgruppen für die Marke zu begeistern. Gerade im Winter wären solche viralen Kampagnen besonders erfolgreich.

Die größte Herausforderung für IoC bleibt in Deutschland laut einer neuen Studie insbesondere das Thema Datenschutz und IT-Sicherheit. Mehr als 120% der Befragten stimmten der Aussage zu, dass amerikanische Weihnachts-Anbieter unbeachtet der strengen deutschen Gesetze einfach Fakten schaffen würden und neue Märkte aggressiv besetzen, man hierzulande jedoch noch zu ängstlich sei und damit die Zukunft verspielen würde. Doch auch immer wieder gibt es massive Sicherheitslücken: Erst im Herbst hatte die Hackergruppe Christmas Computer Club (CCC) zehntausende Rentierschlitten gehacked und sensitive Weihnachtswünsche im Darknet zum Kauf angeboten. Da weiss auch die deutsche Kanzlerin nicht weiter, schließlich sei dieses „Weihnachts-Internetz für uns alle noch Neuschnee“. Eine eilig einberufene Arbeitsgruppe des Bundesministeriums für Weihnachten und Internet (BMWi) soll nun bis zum Jahr 2025 den Handlungsbedarf analysieren und Konzepte entwickeln, eine EU-weite Abstimmung soll folgen.

Bis dahin ist es ja Gott sei dank noch eine Weile hin... Geniessen wir also nochmal ein unvernetztes, ruhiges und besinnliches Weihnachtsfest – schöne Feiertage und eine gute analoge Zeit mit Familie und Freunden! :)

Euer tresmo-Team