Die Wahl der richtigen IoT-Plattform

Das Internet der Dinge/ Internet of Things (IoT) ist aktuell eines der „heißesten“ Tech-Themen. Fast täglich werden neue IoT-Produkte und -Services vorgestellt sowie strategische Kooperationen verkündet. Auch das Angebot an sogenannten IoT-Plattformen explodiert förmlich – wenngleich einige dieser Angebote bei näherer Betrachtung dieser Bezeichnung (noch) nicht gerecht werden. Mehr als 350 kommerzielle IoT-Plattformen gibt es mittlerweile, Tendenz steigend. Das Angebot ist teilweise sehr heterogen, die Konsequenzen der Entscheidung für eine Plattform weitreichend. CIOs und andere technische Entscheider in IoT-Projekten stehen somit vor einer enormen Herausforderung bei der Auswahl der langfristig „richtigen“ IoT-Plattform.

Was sind IoT-Plattformen?

IoT-Lösungen machen aus einfachen „Dingen“ – wie beispielsweise Maschinen, Autos oder Bekleidungsstücken – „smarte“, also mit dem Internet vernetzte, „Dinge“. Dazu bedarf es – etwas vereinfacht – dreier grundlegender Elemente:

  • physische „Dinge“, die mit Sensoren, Aktoren, entsprechender Firmware und Datenübertragungsfähigkeit (Connectivity) ausgestattet werden

  • Web-Applikationen oder mobile Apps, welche Daten von den „Dingen“ auf verschiedenen Endgeräten (wie bspw. Smartphones, Apps oder PCs) für Anwender zugänglich machen und ggf. eine Steuerung erlauben

  • eine IoT-Cloud-Plattform, welche die Daten von den „Dingen“ sowie Steuerungssignale von den Anwendern aufnimmt, speichert, nach vorgegebenen Regeln verarbeitet und verschiedene Administrationsmöglichkeiten bereit stellt. Sie verbindet also die „Dinge“ mit den Anwendern.

Um möglichst schnell und effizient eine individuelle IoT-Cloud-Plattform zu schaffen, nutzen viele Unternehmen so genannte IoT-Plattformen. Diese Software-Dienste enthalten bereits zahlreiche grundlegende technologische Standard-Funktionen von IoT-Cloud-Plattformen, so dass diese nicht für jedes IoT-Vorhaben aufwendig neu erstellt werden müssen. Anbieter von IoT-Plattformen sind insbesondere Tech-Schwergewichte wie Amazon, IBM oder Microsoft aber auch klassische Industrieunternehmen wie General Electric oder Hitachi.

Auch wenn es je nach Ausrichtung (Verbraucher- vs. Industrie 4.0-Lösungen) und Branchen- bzw. Anwendungsfokus der IoT-Plattformen deutliche Unterschiede gibt, so enthalten die meisten sogenannten "End-to-end"-Angebote in der Regel folgende elementare Funktionalitäten:

  • Connectivity

  • Datenstandardisierung/ -management

  • Datenvisualisierung

  • Device & Service Management

  • Externe Schnittstellen

  • Entwicklungsunterstützung

  • Sicherheits-Features

Viele als „IoT-Plattform“ beworbene Dienste bieten jedoch nicht alle der oben genannten Funktionalitäten, beispielweise reine Connectivity-/ M2M-Angebote oder IaaS-Backend-Lösungen. Obwohl die Marketingunterlagen dies häufig suggerieren, zählen diese Angebote aufgrund des fehlenden „end-to-end“-Charakters nicht zu den IoT-Plattformen im engeren Sinne.

Die „Qual der Wahl“

In unseren IoT-Projekten erleben wir seit Jahren eine enorme Unsicherheit auf Seiten von Unternehmen bei der Auswahl der „richtigen“ IoT-Plattform für ihr individuelles IoT-Vorhaben. Dies hat vor allem vier Ursachen:

1. Großes, heterogenes Angebot

Über 350 IoT-Plattformen stehen zur Auswahl, die Angebote unterscheiden sich stark. Interessanterweise halten übrigens die vollmundigen Versprechen der Anbieter teilweise einem sorgfältigen Code-Review nicht stand, so dass eine Beurteilung der tatsächlichen Qualität einer Plattform sehr aufwändig ist. Diese Evaluation sollte übrigens insbesondere auch Aspekte beleuchten, welche für die Zukunftsfähigkeit der Plattform entscheidend sind (bspw. Skalierbarkeit und Einbeziehung zusätzlicher Geräteklassen).

2. Langfristiger Lock-in

Als „Herzstück“ sind IoT-Plattformen tief in die jeweilige IoT-Lösung integriert, sowohl auf Geräte- als auch auf der Anwendungsseite. Beim Wechsel einer IoT Plattform müssen beispielsweise in der Regel auch Firmware-Updates an alle Geräte im Feld ausgerollt werden, was einen hohen Aufwand impliziert und ein großes Fehlerpotential birgt. Voraussetzung ist natürlich, dass die Geräte überhaupt updatebar sind. Im schlimmsten Fall hat man also entweder einen absoluten Vendor-Lock-in oder muss einen Austausch aller Geräte vornehmen.

3. Hohe Kosten

Neben einem erheblichen einmaligen Implementierungsaufwand fallen teilweise hohe laufende Kosten an, z.B. für die skalierbare Bereitstellung der Geräte-Verbindungsendpunkte und die Anzahl der darüber versendeten Nachrichten.

4. Strategische Aspekte

„Daten sind das neue Öl“ – diese Erkenntnis aus dem Silicon Valley hat mittlerweile auch schon in vielen traditionellen Unternehmen Einzug gehalten. Da der Software-Anteil an der Wertschöpfung und Wettbewerbsfähigkeit stetig zunimmt, bedeutet dies beispielsweise auch, dass ein deutscher Maschinenbauer nicht unbedingt gut beraten ist, alle Betriebsdaten seiner Produkte mit einem großen US-Techkonzern zu teilen. Denn letzterer kann die Erkenntnisse daraus entweder direkten Wettbewerbern seines Kunden verkaufen oder wird zukünftig im Zuge der zunehmenden Branchenkonvergenz evtl. selbst zum (mittelbaren) Wettbewerber seines Kunden.

Wie findet man die richtige IoT-Plattform?

Eine Fehlentscheidung bei der Auswahl der IoT-Plattform kann also ggf. einen aufwändigen Plattformwechsel erforderlich machen und es drohen enorme Zusatzkosten, erhebliche Verzögerungen bei der „Time to market“ sowie signifikante strategische Nachteile. Daher lohnt sich eine sorgfältige Anforderungsanalyse und ein sehr systematisches Vorgehen bei der Evaluierung der optimalen Plattform für ihr individuelles IoT-Vorhaben.

Zunächst sollte man sich einen Überblick über die am Markt verfügbaren Angebote und deren wesentlichen Leistungsumfang verschaffen, um eine grobe Shortlist erstellen zu können. Wir führen zu diesem Zweck beispielsweise eine laufend aktualisierte Datenbank aller uns bekannten IoT-Plattformen und der jeweiligen zentralen Eigenschaften, um schnell eine erste Eingrenzung vornehmen zu können.

Auf dieser Basis lohnt sich eine detaillierte Auseinandersetzung mit dem eigenen Projekt sowie auch den Funktionalitäten und Besonderheiten der IoT-Plattformen. Wir haben dafür die zentralen Erfahrungen aus über 30 IoT-Projekten in einer Checkliste mit 75 Fragen zusammen gestellt und in zehn Abschnitte untergliedert:

  1. Embedded SDK (bspw. Welche Geräte- und Gateway-Implementierungen unterstützt das SDK?)

  2. Cloud Connectivity (bspw. Wie können Zertifikate auf Geräten im Feld aktualisiert werden?)

  3. Skalierung (bspw. Skaliert die Lösung automatisch?)

  4. Serverseitige Interaktion mit IoT- Geräten (bspw. Werden Online- und Offline-Events von den IoT-Geräten aktiv signalisiert?)

  5. IT-Sicherheit & Datenschutz (bspw. Ist es möglich, auffällige Geräte in einen Quarantäne-Bereich umzuleiten?)

  6. Vendor Lock-in (bspw. Welche Änderungen sind bei einem Providerwechsel notwendig?)

  7. IoT-Geräte-Produktion (bspw. Wie werden Geräte-Kennungen generiert, und wie können diese in den Geräte-Produktionsprozess integriert werden?)

  8. Administration (bspw. Sind Anwendungen oder Schnittstellen zur Administration verfügbar?)

  9. Hosting (bspw. Unterstützt der IoT-Provider weltweite Roll-Outs mit Kommunikations-Endpunkten in den wichtigsten Ländern?)

  10. Support & SLAs (bspw. Wie kann der Support für die IoT-Plattform in den Customer Care des Unternehmens integriert werden?)

Die Checkliste hilft dabei, die richtigen Fragen zu stellen – sowohl an die IoT-Plattformanbieter als auch an das eigene IoT-Vorhaben und Projektteam. Das heisst natürlich auch, dass Sie sich vorher sehr sorgfältig mit den konkreten Anforderungen Ihres Projektes auseinandersetzen müssen, um zu verstehen, was Sie von den Anbietern (mindestens) verlangen müssen.

Widerspricht dies einem agilen Vorgehen? Keinesfalls. Natürlich wird sich bei so innovativen Vorhaben wie IoT-Projekten im Laufe der Zeit noch vieles ändern, was Sie heute nicht absehen können – kurzfristig insbesondere in den Frontends der Anwendungen aber langfristig sicherlich auch bzgl. der vernetzten Geräte(-klassen). Ob Sie jedoch beispielsweise in der Zielwelt zehntausend Geräte haben, die täglich jeweils ein Binärsignal senden oder ob mehrere Millionen von Geräten permanent dutzende Datenpunkte senden, die dann in Echtzeit verarbeitet werden müssen, macht einen riesigen Unterschied für Ihre Plattformentscheidung.

Die komplette Checkliste zur IoT-Plattformauswahl senden wir Ihnen auf Anfrage gerne per Email zu.

Kontakt: Jan Rodig (jr@tresmo.de)/ +49 176 105 191 50